Dass die Schüler glücklich aus der Schule gehen

Ich stehe vor dem Bildschirm und weine um das Schicksal der toten Tochter. So sehr hat mich der Tatort mitgenommen. Gleichzeitig denke ich, das ist nur Fiktion. Kinder sterben täglich und ich bin gar nicht berührt. Dieser Gedanke trifft mich.

Natürlich bin ich oft berührt von den Nachrichten und Reportagen aus meinem Medienkosmos. Ich bin betroffen von vielen Schicksalen. Kriege, Naturkatastrophen und Terrorismus geben oft Anlass. Was ist dann an dem Tatort, dass er mich berührt? Die Antwort liegt auf der Hand.

Ich nehme mir Zeit für das Schicksal des Einzelnen. Ich lasse es mir ganz genau vor Augen führen. Verfolge die Recherche der Kommissare ganz genau, so wie auch sie ganz genau hinschauen. Und weil ich mir viel Zeit nehme, erkenne ich die vielen Facetten der Vorgänge und lerne die Beteiligten kennen. Der Tod des Kindes und seine Hintergründe gehen mir dann nahe, auch wenn sie nur Fiktion sind.

Ich komme von einer Fortbildung und meine Kollegin prägte den Leitsatz: „Es muss uns darum gehen, dass die Kinder am Ende glücklich aus dem Unterricht und aus der Schule gehen. Das soll unser Motor sein“. Sie sagte das als Lehrerin und Mutter dreier Schüler unserer Schule. Das traf mich genauso.

Im Zentrum der Fobi standen viele Paragraphen, Studien, Anforderungen, die an uns Schulen gesetzt werden, es ging um viele Pläne, Konferenzen, Strategien, Veränderungen von Unterricht usw. Viel Gerede, viel Papier.
Meine Kollegin holte das Ganze auf den Boden und lenkte den Blick auf das eigentliche Ziel. Unsere Kinder, die glücklich aus unserem, aus meinem Unterricht kommen. Glücklich aus der Schule kommen, die wir organisieren und gestalten. Sie lenkte den Blick auf das Einzelschicksal und traf mich auch und vielleicht vor allem als Vater.
Ja, auch ich will, dass meine Kinder, aber natürlich auch alle Kinder glücklich aus der Schule kommen. Dafür arbeite ich.

Was hat das mit dem Tatort zu tun, muss man sich fragen. Das Verbindende ist die Frage nach dem wirklich Wichtigem im Leben.
Für mich sind das einzig Wichtige im Leben unsere Kinder. Ich meine damit nicht meine Kinder, sondern unsere Kinder. Alle Kinder auf der Welt. Es sind doch sie diejenigen, die den Erwachsenen und allen Umständen des Lebens zunächst hilf- und machtlos ausgeliefert sind. Sie sind es aber auch, die die Zukunft später gestalten, wenn wir nicht mehr da sein werden. Das klingt, zugegeben, pathetisch.
Ich versuche damit nur in Worte zu fassen, was ich fühle, wenn ich die Verantwortung spüre, mit der ich Unterricht vorbereite und durchführe, Projekte und Veranstaltungen plane, das Schulleben gestalte und versuche, mit meinen Kollegen das System Schule in meinem Sinne besser zu machen, als es ist. Ich möchte sie nicht unterdrücken, sondern ihnen aufhelfen. Möchte sie nicht verletzen, sondern ihnen Anlass zum Wachsen geben.

Der Tatort ist vorbei. Er wird mir in dieser Woche noch manchmal durch den Kopf wehen, aber seine Geschichte war erdacht.
Die Schule ist nicht vorbei. Sie beginnt morgen wieder. Sie ist für alle Schüler Realität, für viele von ihnen keine leichte. Wir haben es in der Hand, wie sie aus dem Unterricht bzw. wie sie aus der Schule gehen. Es gibt viele Möglichkeiten, dies positiv zu gestalten. Ich werde es morgen wieder versuchen.

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Reinhard Kahls Kolumne

Die aktuelle Kolumne heißt: „Alle reden vom Wetter“ und sie reißt gleich zwei der zentralen Probleme auf, mit denen wir uns herumschlagen: Das Klimaproblem und unsere Verantwortung für die Nachwelt und das Bildungsproblem und unsere Verantwortung für die Nachwelt. Bei beiden Themen herrscht dasselbe Phänomen: Der Zustand ist katastrophal mit negativer Tendenz und wir können es nicht ändern bzw. sind nolens volens dabei ihn mitzuverschlechtern.

Ich möchte mich jetzt gar nicht in den Artikel selbst vertiefen, sondern kurz von der Bedeutung dieser Artikelserie „Reinhard Kahls Kolumne Ps.:“ schreiben. Ich will jetzt nicht gleich sagen, dass ich ohne diese Artikel nicht hier sitzen würde und heute nicht Lehrer wäre, aber sie haben mir durch das Studium geholfen und sie waren immer das Erste, das ich in der PÄDAGOGIK gelesen habe, manchmal auch das Einzige.

Es ist so eine Art Sonntagspredigt, die die Gedanken in eine andere Richtung lenkt oder die Sichtweise aus einer anderen Perspektive erlaubt. Manchmal sind die Texte informativ, meistens wertend, manchmal sogar persönlich, in diesem Monat zum Beispiel. Er schreibt von „Nachtgedanken“ und ich muss gestehen, dass mir das Mut macht, wenn sich so ein Mann, der bereits so viel Gutes erreicht hat und von dem man meinen könnte, er glaubt sein Projekt schon in trockenen Tüchern, wenn sich so ein Mann aus Sorgen um unserer Bildungssystem noch Nachtgedanken, vielleicht Nachtsorgen macht.

Ich mache mir diese Sorgen und ich weiß, viele andere auch. Ich lese von ihnen in meiner Linkliste und ich höre von ihnen in dem Bericht über den letzten Kongress in Bregenz. Und beim nächsten Mal bin ich dabei und vielleicht lerne ich da, wie man aus dem laufenden Betrieb einer Schule heraus die richtigen Veränderungen initiiert und am Laufen hält.

Denn das ist das Problem: Ich weiß nicht, was die richtigen Veränderungen sind und welches die ersten Schritte sind.

Weiß es jemand?

Ps.: Die Artikel der beschrieben Serie gibt es auf Reinhard Kahls Seite zu lesen:

http://www.reinhardkahl.de/pdfs/s64_paed_12_14.pdf

Günter Jauch und Wolf Biermann

Das Einschlafen fällt nach diesem Abend schwer. Der zweite Jauch zum Thema Putin und Ukraine-Konflikt. Nach dem Interview letzte Woche nun eine weitere Analyse- und Diskussionsrunde mit Fachleuten, darunter auch Wolf Biermann.
Ich verehre unseren Wolf sehr und würde Schulen nach ihm benannt wissen, denn er ist eine Orientierung in der Beschäftigung mit der jüngeren deutschen Geschichte und auch im heutigen Leben. Ich schätze seine nachdenkliche Art und mag sein eigenständiges Denken und Bewerten.
Und dann passiert heut dieser Patzer. Eigentlich nicht schlimm an sich, aber schlimm deshalb, weil wahrscheinlich viele etwas Schlimmes draus machen werden. Er vergleicht im Schlusswort der Diskussion Putin mit Hitler und Hitler kommt bei dem Vergleich gut weg.

Ich vermute, er wollte etwas Kraftvolles ausdrücken, wollte seinem Gedankengang Gewicht verschaffen und suchte bei dem Gegner Putin nach einem angemessenem Vergleich. Jenem russischen Despoten sei es nicht gelungen, die Wirtschaft des eigenen Landes auf einen modernen Stand zu bringen, ja noch nicht einmal habe er es geschafft, eine Autobahn zwischen Moskau und St. Petersburg zu bauen. Gemeint war, dass der ebenso unmenschliche Führer der Nationalsozialisten die deutsche Wirtschaft mit seiner Politik in gewisser Weise gestärkt hat und es zu seinen Maßnahmen gehörte, Autobahnen zu bauen, die ein Wirtschaftswachstum befördern. Ziel dieses Arguments war eine Herabwürdigung des jetzigen russischen Präsidenten und seiner Fähigkeiten, sich um die Wirtschaft seines Landes zu kümmern. Unglücklich war das gewählte Autoritätsargument.
Wer die Geschichte Biermanns kennt, wird ihm diesen Vergleich wohlwollend verzeihen, aber ich sorge mich, was die anderen morgen in den Medien daraus machen werden.
Wissen alle, dass Biermann selbst Kind eines jüdischen Hafenarbeiters ist, der im zweiten Weltkrieg von den Nazis umgebracht wurde? Wissen und bedenken alle, dass Biermann aktivst gegen die Diktatur der DDR angesungen und angeschrieben hat? Dies tat er bis zur Wende als überzeugter aber kritischer Sozialist. Als kritischer Demokrat kann er mit Sicherheit nicht in ein rechtes Spektrum eingeordnet werden, welches er heute Abend ungewollt leider bestärkt hat, in dem Hang, dem starken Mann von damals nachzueifern.

Vielleicht wird morgen und in den nächsten Tagen gar nichts passieren. Vielleicht wird niemand irgendetwas dazu sagen oder schreiben.
Falls es aber doch negative Reaktionen an die Adresse eines unserer wichtigsten Intellektuellen geben sollte, so will ich hier für Verständnis geworben haben. Wolf Biermann ist auch nur ein Mensch und als Teilnehmer einer Live-Diskussionsrunde kann es passieren, dass man einmal unglücklich formuliert. Bedenken sollen wir als Publikum zwei Dinge:
1. Wer ist das, der das gesagt hat?
2. Was wollte er denn eigentlich sagen?

Peter Kamenzer

Ps.: Ich weiß natürlich, dass dieser Artikel nichts mit Schule im Eigentlichen zu tun hat. Aber das hier ist ein Blog und keine Fachzeitschrift und daher erlaube ich mir wiedermal diesen Seitenast. Außerdem ist Biermann für unsere Schüler extrem wichtig, denn er ist lebendige Geschichte, Dichter, Musiker, Menschenrechtsaktivist und Demokrat und damit Anknüpfungspunkt für viele unserer Schulthemen.

Der Raum ist der dritte Pädagoge – ein Schulhaus

nemetSo muss Schule sein war anfangs der Untertitel meines Blogs und heute möchte ich schreiben, so muss Schule aussehen!
Ich habe wiederholt das Thomas-Mann-Gymnasium Budapest besucht und muss diesen Königshaus des Lernens vor unsere Augen zaubern, auf das die Sehnsucht nach vielen solchen Lernkatedralen in uns wächst und endlich einmal eine Politik des Neubaus würdiger Schulgebäude einsetzt, wie sie unsere Kinder verdienen!
In Kurzform könnte man sagen Licht, Raum, Farbe, Form. Riesige, holzgerahmte Fensterflächen prägen alle Räume des formenreichen Schulhauses.
Licht. Der überhohe Eingangsbereich entlässt den Blick des Besuchers in alle Richtungen wieder nach Außen. Und was für ein Außen! Zwei wunderschön angelegte Schulhöfe zu beiden Seiten. Man muss Kinder in dieser Schule wohl nicht zwingen, ihre Pausenzeiten nicht im Klassenraum zu verbringen. Auch alle Lernräume und Flure sind so hell und lichtdurchflutet und zeigen die Schönheit der nahen, parkähnlichen Umgebung des ehemaligen Jagdschlößchens und der eben restaurierten Prachtgebäude der ungarischen Hauptstadt.
Raum. Keiner scheint gleich zu sein. Das mag an dem gebogenen Flur liegen oder an den schrägen Decken, die unregelmäßig, nie langweilig durchmustert ist. Es scheint sie in allen Größen und Varianten zu geben. Klassenzimmer, kleinere Gruppen- und Arbeitsräume. Größere Fachlabore und dann die überhohen Musikräume, die eher einem Wintergarten oder einer klingenden Orangerie gleichen. Wie oft durfte ich Schülerinnen durch die große Eingangshalle tanzen sehen oder Jungen beobachten, die vollkommen in ihr Spiel vertieft, mit unsichtbaren Riesenmonstern rangen. Liegt es daran, dass dieser Raum keine Grenzen kennt oder ist es die eingebaute Wertschätzung, die auf uns wirkt, wenn wir in dieser Schule arbeiten?
Farbe. Das angenehme Warm des Holzes umgibt uns dort. Es wird aufgeheizt durch starke Farbflächen. Die wie Raumschiffe aufgeständerten Elemente des Gebäudes sind zusätzlich in verschiedene Farben getaucht. Hinzukommen der angenehme Holzfußboden, die schwarzen Flächen, die Musik und Theater brauchen und die Grundlage für unzählige grafische Schülerarbeiten im ganzen Gebäude sind.
Form. Nichts ist langweilig dort. Der Besuch der Deutschen Schule Budapest macht den Besuch eines Museums moderner Kunst überflüssig. Das Erleben von Raum bietet ein Schultag dort genauso wie ein Besuch des Mumok in Wien oder der neuen Pinakothek Münchens.
Diese Schule ist der dritte Pädagoge. Es ist, wie unser hochgeschätzter Reinhard Kahl immer von seinen Reisen in die Skandinavischen Schulen berichtet, ein körperhaftes Willkommenheißen einer heranwachsenden Generation. Eine Wiege für Künftiges. Es ist die Behajung des Lebens und der Zukunft. Es ist der gebaute Beweis dafür, dass uns etwas daran liegt, dass ein Später auch ein Gutes sein wird.
Schüler fühlen sich wohl in dieser Schule. Denn sie haben Platz für sich, ihre Gespräche, ihr Lernen, aber vor allem für ihre Ideen. Man kann wandeln, sitzen, rennen und verweilen. Es gibt Orte für die privaten Sachen und schöne Orte für nötige Bedürfnisse. Es gibt Orte des Experimentierens, des Sports, Orte für Theater und Musik. Es gibt Flächen für Streit, Diskussion, für Demokratie, aber auch für Rückzug und Beratung. Man kann sich verstecken – drinnen und draußen. Man kann sich aber auch zeigen.
Ich könnte weiterschwärmen, denn nichts anderes muss aus einem Bericht über dieses Schulhaus über diese Katedrale des Lernens werden. Ich wünsche mir, dass Kindergärten, Grund- und weiterführende Schulen in diesem Sinne gebaut werden. Dass endlich eine Regierung den Mut und das Geld zusammennimmt und die Gefängnisse, nein die Kerker, die viele unserer jetzigen sogenannten Bildungshäuser doch sind, abreißt und viel schöner neubaut. Es ist überfällig und es ist lohnenswert. Nicht nur im wirtschaftlichen Sinn, das ist hinreichend bewiesen und vorgerechnet. Es ist der Mühe wert, weil wir es uns Wert sein müssen. Wir, unsere Kinder und unsere Zukunft sollen unser Wert sein, sollen unser Ziel sein. Was denn sonst!

Die Bluthochzeit

erkel1Schwarz. In Erinnerung bleibt die Farbe. Das Schwarz der meisten Kostüme (wobei Kostüm übertrieben klingt für Hosen und Hemden) und das Schwarz der Bühne (der Bühne die ein Gefängnis war).

Die Bluthochzeit ist eine Oper des ungarischen Komponisten Sándor Szokolay, uraufgeführt im Jahr 1964. Sie läuft derzeit im Volksopernhaus der ungarischen Hauptstadt „Erkel Theater“. Eine Inszenierung, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Die Handlung ist schnell erzählt und doch nicht greifbar. Scheinbar leicht verständlich spielen uns die Darsteller die tragische Geschichte eines Paares, das keines sein darf, denn sie wird noch im zweiten Akt einen anderen heiraten und er ist bereits getraut und zudem Vater. Und doch ziehen sich beide an, wie zwei Pluspole eines Magneten. Scheinbar abstoßend. Am Ende wird die Vereinigung zur Zerstörung des zauberischen Metalls führen. Und dann ist da noch die Mutter. Es ist die Mutter des künftigen Ehemanns. Scheinbar übertrieben will sie ihrem Sohn kein Messer zum Obstessen reichen, denn Mann und zweiter Sohn sind durch ein Messer ums Leben gekommen. Später wird sie selbst es sein, die die Tage des Mordens wieder ausruft und der durchgebrannten Schwiegertochter und ihrem Geliebten eine Schaar wütender Männer auf den Hals jagt. Die Jagd soll tragisch enden und nach tänzerisch pantomimisch choreografiertem Kampf der beiden Männer der Ehefrau und Geliebten liegen beide schlussendlich tot auf der Bühne. Der zum Tod personifizierte, eben noch gewesene Priester legt sich nach scheinbar ritueller Blutwaschung über den Köpfen des entsetzten Publikums über die beiden erkalteten Körper. Symbolisch? Das Stück endet mit Klagen von Mutter und Geliebter und der Kreis hat sich geschlossen – das Messer hat seinen Dienst wieder getan. Man kann nicht umhin, man sinnt, was es wohl bedeuten mag, dass ausgerechnet die Familie der künftigen Schwiegertochter die Mörder von Ehemann und Sohn waren. Geht es um Krieg? Ist es eine Verarbeitung von Schuld und Sühne der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts? Warum sind die Protagonisten auf einer Bühne gefangen, die ein übermenschlicher Konstrukteur scheinbar zum Hamsterrad zu verbiegen suchte, so dass keine Seite einen Ausgang mehr zulässt. Nur das metallisch gerahmte überdimensionierte Garagentor, das sich wie von selbst schicksalshaft in den hinteren Teil der Bühne öffnet und schließt, gibt eine zweite Ebene frei, die jedoch nie Ausweg, sondern zumeist Ort tragischen Geschehens wird.

Das Schwarz der Kostüme wird mit dem Schwarz der Bühne zum bestimmenden, bleibenden Element der Inszenierung und nur kontrastiert durch das Weiß des Priesters, das Weiß der Ehefrau und das Weiß des Leinentuchs. Das Leinentuch, in das das Kind der betrogenen Ehefrau gewickelt ist, das Leinentuch das eben jene Betrogene plötzlich fallen lässt und zum noch größerem Entsetzen der Anwesenden wütend gegen die Bühne peitscht, als hätte das Neugeborene die Schuld der Welt auf sich geladen und müsse nun dafür büßen.

Zum Schluss ein Wort zur Musik. Sie bleibt kaum im Gedächtnis. Nicht weil sie unbedeutend ist. Nein. Sie hat die ganze Kraft eines Frühlingsopfers, aber auch die Sanftheit eines romantischen Liebesliedes. Sie ist lebendig und unerschöpflich wie der Bewegungsdrang und die Neugier eines Vierjährigen. Sie vereint alle Sounds, Melodien und Rhythmen des wohl vielfältigsten Jahrhunderts der Musikgeschichte. Sie ist unerhört hörenswert und gibt jeder Gefühlsregung der Protagonisten unverwechselbaren Ausdruck. Sie spricht kaum mit unserem analytischen Ohr und wir werden ihre Melodien nicht nachsingen, ihre Harmonien nicht nachspielen können, aber sie spricht direkt zu und mit unserer Seele und unserem Empfinden und erweckt dadurch zum Leben, was in unseren widerspruchsvollen, wunderschönen aber leidgeprägten Zeiten durch unsere Herzen webt.

Sachtextanalyse

Ich bin das erste Mal in der Oberstufe Deutsch eingesetzt. Ich stelle fest, dass alle Lehrbücher mein erstes Thema „Sachtextanalyse“ ein wenig bis deutlich anders gestalten und andere Prämissen setzen. Im Austausch mit mehreren Kollegen stelle ich fest, dass jeder von uns anders herangeht, andere Aspekte besonders betont und natürlich eine eigene Arbeitsweise hat. Das ist Stress. Ich versuche mich anzupassen. Als Neuling in der Stufe und in dem Thema suche ich noch Orientierung, damit meine Unerfahrenheit nicht den Schülern zum Nachteil wird.

Ich versuche gleich zu sein. Versuche meinen Kollegen zu gleichen, um zu ähnlichen oder den selben Ergebnissen zu kommen. Das ist Stress, denn ich habe meine eigenen Methoden, Arbeitsweisen und vor allem Ansichten.

Den Schülern geht es genauso. Sie haben wenige Doppelstunden Zeit, um herauszuspüren, worauf es mir ankommt, was in meinem Unterricht wichtig ist und wofür es bei meiner Klausur, die ich benoten werde, Punkte gibt. Das ist Stress. Denn es bleibt wenig Ruhe für eigene Gedanken. In der Zeitnot einer Klausur gilt es, möglichst schnell den antrainierten Anforderungskatalog der geforderten Textsorte (Analyse, Erörterung/Stellungnahme) in möglichst bestem, fachwortgespickten und weltwissengetränkten Ausdruck abzuarbeiten.

Lösung? Vielleicht mehr Zeit? Vielleicht besser eine Facharbeit zu Hause? Aber die Gefahr  des Betrugversuchs? Vertraue ich meinen Schülern nicht? Zwinge ich sie, zu manipulieren, zu simulieren?

Antworten gibt es bestimmt. Bestimmt auch in Bregenz vergangenes Wochenende. Vielleicht muss aber eine Oberstufe, die auf ein Abitur vorbereitet, so gestrickt sein, vielleicht bereiten wir nur gut auf ein Studium und ein Leben vor, wenn wir unsere Schüler unter Druck setzen?

Zufrieden bin ich nicht. Die Klausurergebnisse zeigen mir, meine Schüler haben sich teilweise verirrt in den Anforderungen, sind nicht zum Ziel gelangt, weil sie eben alles richtig machen wollten, alle Punkte einsammeln wollten, wie in einem Jump-and-Run Spiel. Leider haben sie dabei meist vergessen, sich auf die Meta-ebene der objektiven Kritik zu schwingen. Haben sie den Geheimgang übersehen? Oder habe ich vergessen, dieses Extralevel zu erwähnen?

Bregrenz – Netzwerkkongress 2014

Leider. Ich war nicht dabei. Vergangenes Wochenende fand in Bregrenz am Bodensee das Symposium zu meinem Blog-Thema statt und ich konnte nicht dabei sein. http://www.adz-netzwerk.de/Kongress-2014.php  Konnte ich nicht? Ich konnte nicht wirklich nicht. Ein aufwendiger Umzug ins Ausland, ein neuer Einsatzort an einer Auslandsschule, damit bin ich glücklich aber genug ausgefüllt. Davon wann anders mehr.

Ich habe aber die Ankündigung verfolgt und mir ist nun klar geworden, dass ich und jeder, der sich für die Weiterentwicklung unserer Schulen und Bildungsorte interessiert, an diesem Netzwerk teilnehmen muss, so aktiv es eben möglich ist in der persönlichen Situation. Netzwerk?

Das Netzwerk der Intelligenz der pädagogischen Praxis, das Netzwerk des Archivs der Zukunft. Ein Wortungetüm und noch ein wenig m.E. versteckt, ist es wahrscheinlich das wichtigste Boot in Richtung Neuland Echte Bildung oder menschlichere Bildung. Es ist ganz im Geiste des großen Aktivisten Reinhard Kahls und geht auch sicher größtenteils auf sein Engagement zurück.

Ich stelle mir, dass man auf diesem Kongress wirklich sehr gute Ideen und Ansichten tanken konnte und dass viele interessante Akteuere mal nicht nur zu lesen, sondern eben auch zu hören und zu erleben waren. Sicher auch streitbar. Zum Anfassen eben. Und dass von diesem Ort und dieser Konferenz eine echte Energie ausgeht.

Schade, dass ich nicht dabei war und weiterhin so auf kleiner Flamme vor mich hinarbeite. Aber der nächste Kongress kommt bestimmt.

Für alle, die auch nicht dabei waren, nicht dabei sein konnten, ein Tipp: unbedingt auf den Link oben klicken und die Ankündigungen und hoffentlich auch bald erscheinenden Dokumentationen durchforsten. Es gibt sehr gute Hinweise auf Bücher, Personen und Projekte, die uns interessierte Macher schon auf den Weg bringen können.